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Sendung Nr. 1163 vom 15.04.2016

Heute verantwortlich und am Mikrofon: Michael Lucan

Guten Abend bei Liederliches und Kleinkunst. Heute: Lotte Lenya mit Songs von Kurt Weill.

"Ist von der Zusammenarbeit Bert Brechts und Kurt Weills die Rede, wird Lotte Lenya fast immer vergessen", so schreiben Karsten Bartels und Luise F. Pusch in ihrer Lotte-Lenya-Online-Biografie auf www.fembio.org, "- dabei prägte sie", so heißt es weiter, "mit ihrem unverwechselbaren Timbre, jenen spezifischen Gesangsstil, der den Brecht/Weill-Songs entscheidend zur Popularität verhalf und bis heute unerreicht blieb."

Recht haben die beiden.

Introduction ("Happy End")
LP "Lotte Lenya singt Kurt Weill", CBS LP 62318

"Reiche den Reichtum den Reichen. Die Tugend desgleichen. Gib dem der hat. Gib ihm den Staat und die Stadt. Hosiannah", - Brecht und Weills "Happy End". Nur die Lieder übrigens sind von den beiden, entstanden im Juni 1929 in Brechts Häuschen am Ammersee. Das Stück selbst stammt von Elisabeth Hauptmann, die es unter dem Pseudonym "Dorothy Lane" schrieb.

"Happy End - eine Magazingeschichte" ist - noch mehr als die Dreigroschenoper - auf die Songs ausgerichtet. Die Lieder gehören zu den besten und bekanntesten aus der Zusammenarbeit von Bert Brecht und Kurt Weill.

Zum Beispiel der "Bilbao-Song":

Bilbao-Song ("Happy End")
LP "Lotte Lenya singt Kurt Weill", CBS LP 62318

Der "Bilbao-Song", gesungen von Lotte Lenya.

Lotte Lenya wurde am 18. Oktober 1898 in Wien geboren, und zwar als Karoline Wilhelmine Charlotte Blamauer. Zunächst in Zürich, später in Berlin sammelte sie erste Theatererfahrungen und lernte 1924 Kurt Weill, der später die Musik der Dreigroschenoper schreiben sollte, kennen. 1926 heirateten die beiden.

Heute Abend hören wir Aufnahmen von Lotte Lenya, in der ersten Hälfte dieser Sendung mit Liedern aus "Happy End", einem Stück das nach dem großen Erfolg der Dreigroschenoper im Jahr 1928 diesen Erfolg fortsetzen sollte.

Matrosen-Tango ("Happy End")
LP "Lotte Lenya singt Kurt Weill", CBS LP 62318

Der Song von Mandelay ("Happy End")
LP "Lotte Lenya singt Kurt Weill", CBS LP 62318

Der Song von Mandelay aus Brecht und Weills "Happy End". Das Stück konnte an den Erfolg der "Dreigroschenoper" nicht anknüpfen. Nach nur 7 Aufführungen wurde es abgesetzt, beim Publikum war es durchgefallen. Nicht aber die Songs. Die wurden - wie schon einige aus der "Dreigroschenoper" - populär. Auch Lotte Lenya nahm einige Schellackplatten auf. Dies waren ihre ersten Schallplatten. Im Oktober 1929 entstand der "Bilbao-Song" und "Surabaja-Johnny".

Surabaja-Johnny
CD "Weill: O Moon Of Alabama", Capriccio 10 347, Nr. 4

Das Lied von der Harten Nuss ("Happy End")
LP "Lotte Lenya singt Kurt Weill", CBS LP 62318

"Das Lied von der Harten Nuss" und "Surabaja-Johnny" aus "Happy End". "Happy End" ist im "Gangstermilieu" von Chicago angesiedelt und Lilian Holiday, Heilsarmeeleutnant, versucht, die Unterwelt zu bekehren. Sie verliebt sich dann aber in den Gangsterchef Bill Cracker und wird aus der Heilsarmee ausgestoßen. Lilian Holiday gelingt es später, den geliebten Bill von einem Einbruch abzuhalten - und der wechselt dann mit seiner Bande auf die Seite der Guten. Im ewigen Kampf des Guten mit dem Bösen muss natürlich das Gute siegen. Happy End eben.

Die Lieder von "Happy End" wurden Lotte Lenya vom Team Brecht/Weill geradezu in die Kehle hinein geschrieben. Und das war nicht so einfach, denn ihre Stimme war nicht direkt eine Singstimme. Lotte Lenya:

I really gave up smoking. %85. And that's what it was.

Die Ballade von der Höllenlili ("Happy End")
LP "Lotte Lenya singt Kurt Weill", CBS LP 62318

Der kleine Leutnant des lieben Gottes (2) ("Happy End")
LP "Lotte Lenya singt Kurt Weill", CBS LP 62318

Das letzte Stück für heute von Lotte Lenya aus "Happy End": "Der kleine Leutnant des lieben Gottes". "Happy End", wie gesagt, entstand im Jahr 1929.

Anfang der dreißiger Jahre wurde es für Kurt Weill in Deutschland immer ungemütlicher. Und nach der Machtergreifung Hitlers gingen 1933 auch Notenpapiere mit Weills Musikstücken bei der Bücherverbrennung der Nazis in Flammen auf: Weill lief unter "Entartete Musik".

Weill emigriert nach Paris, zusammen mit Brecht und Lotte Lenya. Dort entstand dann das Ballett "Die sieben Todsünden der Kleinbürger".

Prolog ("Die sieben Todsünden")
LP "Lotte Lenya singt Kurt Weill", CBS LP 62318

"Die sieben Todsünden" zeigen uns die Bewusstseinsspaltung des Menschen im Kapitalismus, in Gestalt der nach Geld strebenden Anna I und der das Leben genießen wollenden Anna II als siamesische Zwillinge. Anna I führt uns durch die Handlung. 1933 zur Uraufführung war das Lotte Lenya:

Unzucht ("Die sieben Todsünden")
LP "Lotte Lenya singt Kurt Weill", CBS LP 62318

Liederliches und Kleinkunst, heute mit Songs aus der Feder von Bert Brecht und Kurt Weill, allesamt gesungen von Lotte Lenya. In Frankreich ließen sich Kurt Weill und Lotte Lenya scheiden, bzw. Kurt Weill ließ sich scheiden. Seine Frau charakterisierte er 1929 einmal so:

"Sie ist eine miserable Hausfrau, aber eine sehr gute Schauspielerin. Sie kann keine Noten lesen, aber wenn sie singt, dann hören die Leute zu wie bei Caruso. (Übrigens kann mir jeder Komponist leid tun, dessen Frau Noten lesen kann.) Sie kümmert sich nicht um meine Arbeit (das ist einer ihrer größten Vorzüge). Aber sie wäre sehr böse, wenn ich mich nicht für ihre Arbeit interessieren würde. Sie hat stets einige Freunde, was sie damit begründet, dass sie sich mit Frauen schlecht verträgt. (Vielleicht verträgt sie sich aber auch mit Frauen darum so schlecht, weil sie stets einige Freunde hat.)
Sie hat mich geheiratet, weil sie gern das Gruseln lernen wollte, und sie behauptet, dieser Wunsch sei ihr in ausreichendem Maße in Erfüllung gegangen."